Lebensversicherung kündigen sinnvoll?

Klassische Lebensversicherungen waren eines der beliebtesten Anlagen in den letzten Jahrzehnten, wenn es darum ging, Geld anzulegen - sei es monatlich oder auch größere Summen einmalig. Es gibt statistisch mehr laufende Lebensversicherungsverträge als Einwohner in Deutschland!

Doch in den letzten Jahren verschlechterte sich der Ruf der Lebensversicherung. Aufgrund der andauernden Niedrigzinspolitik und der teilweise sehr hohen Kosten in den Verträgen werden diese immer weniger rentabel. Auch in den Medien wird oft - negativ - über die Lebensversicherung diskutiert. Deshalb neigen immer mehr Kunden ihre bestehende Verträge sogar im schlimmsten Fall zu kündigen.

Ob dies wirklich Sinn macht, zeige ich euch anhand echten Beispielen aus meinem bestehenden Kundenkreis!

warum hat man Lebensversicherungen abgeschlossen?

Aktuell fragen sich viele Leute, warum sie damals überhaupt eine Lebensversicherung abgeschlossen haben, wenn diese sich angeblich überhaupt nicht mehr rentiert. Doch dies war nicht immer so - es gab Zeiten in denen die Lebensversicherung eine hohe Garantieverzinsung bzw. Gesamtverzinsung bot.

Garantiezins Historisch

07/1986 - 06/1994: 3,5%

07/1994 - 06/2000: 4,0%

07/2000 - 12/2003: 3,25%

01/2004 - 12/2006: 2,75%

01/2007 - 12/2011: 2,25%

01/2012 - 12/2014: 1,75%

01/2015 - 12/2016: 1,25%

seit 01/2017: 0,9%

In der Grafik sieht man deutlich, dass es vor allem in den 90er Jahren eine sehr hohe laufende Verzinsung in der Lebensversicherung gab. Außerdem lag damals der Garantiezins bei 3-4% - dieser ist für die gesamte Laufzeit garantiert. Dies waren auch die Gründe, warum Lebensversicherungen auch so oft und guten Gewissens abgeschlossen wurden.

 

Außerdem waren Lebensversicherungen bis 12/2004 steuerfrei - d.h. es mussten / müssen keine Zinsen bei Ablauf versteuert werden, wenn der Vertrag mindestens 5 Jahre lang bezahlt wurde und der Vertrag mindestens 12 Jahre lang läuft.

Wie man aber auch sehen kann, ging sowohl der Garantiezins als auch die laufende Verzinsung in den letzten 20 Jahren rapide zurück - die Steuerfreiheit entfiel auch ab 2005.

 

Dies führte dazu, dass inzwischen viele alte Lebensversicherungen in der Garantie hängen - das heißt, dass der Vertrag nur noch mit der Garantieverzinsung verzinst wird. Hört sich erstmal gut an - irgendwas zwischen 2 - 4% jährlich gibt es aktuell bei keiner Bank. Hier liegt jedoch der "Hund begraben"!

Problematik alte Lebensversicherungen - KOSTEN!

Denn so einfach ist es nicht! Bevor das Guthaben und die Beiträge mit dem Garantiezins verzinst werden, müssen zunächst alle laufenden Kosten der Gesellschaft in Abzug gebracht werden. Dies hat zur Folge, dass nicht der volle Garantiezins ankommt, sondern nur ein Teil davon. Wie viel davon ankommt, hängt von der Höhe der laufenden Kosten der jeweiligen Gesellschaft ab!

Wie bereits in einem anderen Artikel erläutert fallen bei Abschluss einer Lebensversicherung / Rentenversicherung einmalige Abschluss- und Vertriebskosten an, sowie laufende Verwaltungskosten. Seit 2008 müssen Versicherer diese auch im sogenannten Produktinformationsblatt transparent ausweisen - vor 2008 mussten sie dies nicht.

 

Die Abschlusskosten sind in den meisten Fällen schon abbezahlt, jedoch fallen jährliche Verwaltungskosten an, solange der Vertrag bezahlt wird. Da die Versicherer diese Kosten bis 2008 nicht ausweisen mussten und die Verzinsung in diesen Verträgen vor 10/20/30 Jahren noch um ein Vielfaches höher war, war es durchaus üblich, dass die Versicherer damals einen viel höheren Kostenblock mit eingerechnet haben, da dies aufgrund der deutlich höheren Verzinsung nicht so sehr ins Gewicht fiel. Da aber mittlerweile die meisten Verträge nur noch mit der Garantieverzinsung verzinst werden, schlagen die laufenden Kosten jetzt umso mehr zu und fressen oft den Großteil der Garantieverzinsung bildlich auf. Aus der Erfahrung heraus kann ich bestätigen, dass sich die Gebühren von Gesellschaft zu Gesellschaft enorm unterscheiden!

Als seltenes Beispiel sieht man hier eine transparente Aufstellung einer bestehenden Lebensversicherung aus 2002. Solche Übersichten bekommt man bei Verträgen vor 2008 eigentlich nicht zu sehen - da wie bereits erläutert - die Gesellschaften ihre einkalkulierten Kosten nicht ausweisen müssen und sie dies auch ungern preis geben wollen. Trotzdem kann man versuchen, eine Kostenaufstellung bei der jeweiligen Gesellschaft anzufordern.

In dem o.g. Beispiel hat der Kunde 2.655,72 EUR an Beiträgen im gesamten Jahr gezahlt. Die Verwaltungskosten betragen 119,77 EUR im Jahr - entspricht auf den Jahresbeitrag 4,51%. Diese fallen verhältnismäßig günstig aus im Vergleich zu anderen Gesellschaften aus dieser Zeit.

 

Außerdem sind Risikobeiträge in dem Vertrag einkalkuliert in Höhe von 399,02 EUR jährlich. Diese werden für die Todesfallsumme fällig, die in klassischen Lebensversicherungen standardmäßig mit eingeschlossen war.

Als letztes werden noch Ratenzahlungszuschläge mit 125,88 EUR ausgewiesen - ein schönes Mittel, um die gesamten laufenden Verwaltungskosten in die Höhe zu treiben. Mit 4,74% ist der Zuschlag sogar noch höher als die einkalkulierten Verwaltungskosten mit 4,51%. Ratenzahlungszuschläge werden fällig, wenn der Kunde die Beiträge monatlich zahlt statt jährlich. Würde der Beitrag jährlich bezahlt werden, fällt dieser Zuschlag weg!

Insgesamt fallen also 644,67 EUR jährlich an Kosten an -  24,27% auf den Jahresbeitrag! Allerdings darf man nicht nur die Kosten betrachten, sondern man muss auch prüfen, wie hoch die Ablaufleistung zum Ende ausfällt! Denn wenn die Gesamtverzinsung nach diesen Kosten immer noch hoch genug ist, ist es quasi egal, welche Kosten die Gesellschaft eingerechnet hat.

Wenn der Kunde den Vertrag bis zum Ablauf 2030 unverändert fortführt, erhält er zum Vertragsende garantiert 93.925,60 EUR - dies entspricht mit dem aktuellen Rückkaufswert eine Rendite von 2,81% p.a. Für heutige Verhältnisse eine sehr gute Verzinsung - außerdem auch noch steuerfrei, da vor 2005 abgeschlossen!

Warum ich die Aufstellung dann trotzdem so detailliert erläutert habe, erfährst du gleich!

Analyse alte Lebensversicherungen

Genau aus diesen Gründen muss jeder Vertrag individuell geprüft werden, bevor eine Empfehlung ausgesprochen werden kann! Nicht alle bestehenden Lebensversicherungen sind schlecht - auch nicht nach allen Kosten! Voreilig kündigen sollte man also einen bestehenden Vertrag nie!

Nachfolgend Beispiele bestehender Lebensversicherungen aus meinem Kundenkreis - mit komplett verschiedenen Ergebnissen!

Beispiel 1: Alte Leipziger Lebensversicherung aus 1998

Das erste Beispiel ist eine Lebensversicherung der Alte Leipziger Lebensversicherungs AG (AL) - abgeschlossen in 1998, einem Garantiezins von 4% und einen aktuellen Monatsbeitrag von 255,65 EUR.

In der Regel bekommt man für jede Lebensversicherung jährlich eine solche Wertmitteilung in der die meisten wichtigen Daten enthalten sind.

In diesem Fall hat der Kunde zum 01.12.2018 einen Rückkaufswert in Höhe von 83.339,80 EUR und bekommt zum Ablauf 130.246,42 EUR - in diesem Fall sogar garantiert, da die laufende Verzinsung der AL aktuell niedriger ist.

Wenn man die Daten in einen Zinsrechner eingibt, kommt man für die restliche Laufzeit auf eine garantierte Verzinsung von ca. 3,49% p.a. - steuerfrei! In diesem Fall habe ich meinem Kunden ganz klar geraten, den Vertrag unverändert fortzuführen. Besonders aufgrund der recht kurzen Restlaufzeit, der hohen Verzinsung die beim Kunden ankommt und der Steuerfreiheit, wäre es fatal den Vertrag anzufassen.

Beispiel 2: ERGO Lebensversicherung aus 1999 und 2001

Als nächstes Beispiel habe ich zwei Lebensversicherungen der ERGO Lebensversicherungs AG von einem Kunden erhalten. Diese habe ich genau wie Beispiel 1 analysiert mit folgenden Ergebnissen:

Vertrag 1 ist aus 1999 mit 4% Garantiezins. Aufgrund jährlicher Verwaltungs- und Risikokosten kommen beim Kunden bis 2042 jährlich 2,32% effektiv an bzw. ein Ertrag von 13.469,80 EUR - der Vertrag hat demnach eine Renditeminderung von 1,68%.

Ähnlich schaut es bei Vertrag 2 aus - dieser ist aus 2001 und hat einen Garantiezins von 3,25%. Hier kommen bis zum Ablauf effektiv 1,63% jährlich an bzw. ein Ertrag von 11.162,75 EUR - eine Renditeminderung von 1,62% - ähnlich zum 1. Vertrag! Darauf lässt sich schließen, dass die beiden Verträge ähnliche Kostenstrukturen besitzen!

Aufgrund der langen Restlaufzeit hätte ich dem Kunden empfohlen, mindestens Vertrag 2 zu ändern. Kündigen braucht man ihn trotzdem noch nicht unbedingt!

Beitragsfreistellung alte Lebensversicherungen

Jetzt komme ich noch einmal auf das Beispiel 1 zurück, bei dem ich die verschiedenen Kostenblöcke erläutert habe - Verwaltungsgebühren, Risikobeiträge, Ratenzahlungszuschläge.

All diese laufende Gebühren fallen größtenteils nur an, wenn der Vertrag bezahlt wird. Stellt man eine bestehende Lebensversicherung beitragsfrei, fallen diese Gebühren nahezu komplett weg - der Vertrag wird aber trotzdem mit dem Garantiezins weiter verzinst! Dies hat zur Folge dass sich die Effektivverzinsung deutlich erhöht.

Also habe ich mir die Werte bei Beitragsfreistellung für beide o.g. Verträge geben lassen mit folgenden Ergebnissen

Alt

Neu

Bei Vertrag 1 erhöht sich nun die Nettoverzinsung bis Ablauf auf 3,29% p.a. - der Ertrag liegt bei 8.663 EUR.

 

Beim 2. Vertrag ändern sich die Werte noch drastischer! Bei unveränderter Fortführung des Vertrages würde der Kunde wie bereits erläutert nur 1,63% p.a. effektiv erhalten bzw. der Vertrag 11.162,75 EUR Zinsen erwirtschaften. Stellt der Kunde den Vertrag beitragsfrei würden beim Kunden plötzlich jährlich 3,07% ankommen bzw. würde der Vertrag nun 14.240,14 EUR Zinsen erwirtschaften!

 

Bei Beitragsfreistellung gibt es in diesem Fall mehr Zinsen total als bei normaler Fortführung des Vertrages und das obwohl keine Beiträge mehr in den Vertrag fließen - 3.078 EUR mehr Zinsen!

Empfehlung - Was sollte ich mit meiner Lebensversicherung tun?

Wie bereits gesagt solltest du keinen Schnellschuss machen! Man sieht an den Beispielen, dass nicht jede Lebensversicherung schlecht bzw. unrentabel ist. Leider kann man aber auch nicht pauschal sagen, welcher Vertrag sich bei welcher Gesellschaft lohnt. Ob deine bestehende Lebensversicherung unverändert fortgeführt, beitragsfrei gestellt, oder gekündigt werden sollte, muss objektiv analysiert werden analog den o.g. Beispielen. Gerne helfe ich - als unabhängiger Finanzberater - dir dabei!

Die frei gewordenen Beiträge sollten natürlich wieder gewinnbringend angelegt werden, da die damals abgeschlossene Lebensversicherung mit Sicherheit für die Altersvorsorge eingeplant wurde. Eine Möglichkeit wäre dies in der aktuell wohl besten und flexiblsten Altersvorsorge zu investieren. Es gibt auch heutzutage noch die Möglichkeit Einmalbeiträge sicher anzulegen mit noch verhältnismäßig hohen Zinsen!

Du hast weitere Fragen bzw. wünschst auch eine Überprüfung deiner bestehenden Lebensversicherung? Dann melde dich bei mir!